Ausstellungsbericht von Michael Dignal :
Hans Graef verwahrt das „Weltkulturerbe“
Hohenloher Zeitung 8.3.2007
SOZIALE PLASTIK KUNSTBAHNHOF erhält neue KUNSTAUSSTELLUNG  
Der Kunstagent, Künstler und Kunstsammler zeigt sein prallvolles „Zwischenlager Zeitraum“ im Bahnhof

Auf besondere Weise scheint hier Marcel Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“ Form angenommen zu haben. Hans Graef hat in den früheren Diensträumen des Waldenburger Bahnhofs sein umfangreiches Privatarchiv eingerichtet, das den Besuchern eine Fülle von detaillierten und kuriosen Rückblicken eröffnet

Zwischenlager Zeitraum“ heißt die Dauerausstellung, die im Grunde genommen ein überbordendes, zugleich aber auch thematisch strukturiertes Sammelsurium aus Objekten und Dokumenten, Bildern und Klängen darstellt. Der Adolzfurter Konzeptkünstler und Gleis-1-Chef Graef hat aus zehntausenden von Einzelteilen ein „Ensemblekunstwerk“ geformt und mit der ihm eigenen Selbstironie zum „Weltkulturerbe in Hohenlohe“ erklärt.

In mehreren Glasvitrinen ruhen bunte Blechdosen, Pappschachteln, Küchenartikel und Souvenirs als Übrigbleibsel aus vier Jahrzehnten Alltags- und Konsumwelt. An den Wänden hängen Fotoserien und Materialcollagen, und in der Mitte des ersten Ausstellungsraums steht die große „Blackbox“, in der Plattenspieler und alte Filme die Zeit recht weit zurückdrehen.

Eine kleine Extra-Abteilung ist dem kürzlich verstorbenen Willsbacher Künstler Jochen Wahl gewidmet, der im Bahnhof bis vor zwei Jahren noch ein eigenes Atelier hatte. Als ein Vertreter des Phantastischen Realismus schuf Wahl ebenso meisterlich wie irritierend anmutende Werke, von denen hier ein paar Skulpturen und Grafiken ausgestellt sind.

Graefs eigener Fundus verdichtet sich in der „Poststelle“, die mit Briefen und Büchern, ausgemusterten Apparaten und Automaten sowie einer unüberschaubaren Menge von Klein- und Kleinstteilen gefüllt ist. Da findet sich ein Telegramm des exilierten deutschen Kaisers Wilhelm II. neben einer alten Briefträgeruniform, und aus dem Dampfradio tönt derweil die Stimme des Avantgardisten Marcel Duchamp.

Im „Beuys-Raum“ nebenan huldigt Graef seinem Lehrmeister, dem umstrittenen Fett-und-Filz-Künstler, mit Holz- und Metallinstallationen. Zwischen Hinweisen auf die Zusammenhänge von Kunst, Gesellschaft und Politik hängt hier auch Graefs erstes eigenes Kunstwerk von der Decke: ein hölzerner Drache. Irgendwo fällt der Blick dann auf einen „Zeit“-Artikel über Dilettantismus als künstlerische Erfolgsstrategie mit dem Titel „Nur wer’s nicht kann, kann’s“ - gekonnnte Ironie für ein kleines Lebens-Kunst-Werk.

Gemischte Kultur seit sieben Jahren Von Michael Dignal (echo 13.1.07)

Die Waldenburger Künstlerkneipe Gleis 1 stellt ihr neues Programm vor

"Schranken auf" hieß es vor sieben Jahren, als sich die Künstlerkneipe Gleis 1 im Waldenburger Bahnhof einrichtete. Der gleichnamige Verein zählte damals 35 Mitglieder. Jetzt sind es 78, und das Gleis 1 ist zu einer festen Größe im kulturellen Leben der Region geworden. So wartet das aktuelle Halbjahresprogramm mit nicht weniger als 50 Veranstaltungen auf.

Sehr stolz sind Vereinsgründer Hans A. Graef und sein Vorstandskollege Jochen Kuhn auf die bunte Mischung ihres Angebots. "Es ist allerdings so vielfältig, dass es für manche Leute schwer einzuordnen ist", räumt Graef ein. Doch das wollen die Gleis-1-Macher: Nicht konventionelle Erwartungen erfüllen, sondern eine "gemischte Kultur" aus vertrauten und außergewöhnlichen Inhalten bieten.

An musikalischen Spezialitäten bietet die Künstlerkneipe in der nächsten Zeit Rock mit Wednesday Parking Lot (3. Februar), Jazz mit Sylvia Bialas und dem Chambinzky-Trio (16. Februar), irisch-bretonischen Folk mit Fish and Cidre (24. Februar) und Weltmusik mit dem arTrio (3. März). An manchen Sonntagen gibt es ein Klassik-Frühstück und jeden letzten Freitag im Monat die Fiesta Latina.

Zur Jubiläumsveranstaltung am 5. Mai ist der Kabarettist Peter Grohmann eingeladen. Noch bis zum 11. März zu sehen ist eine Ausstellung der Fotografin Doris Maxheimer-Fehrenbach mit Naturaufnahmen aus aller Welt. Bei solch einem umfangreichen Programm sind Risiken unvermeidbar. "Wir hatten schon mal ein Konzert mit nur zwei zahlenden Gästen", erzählt Jochen Kuhn. Dafür sei beim letzten Auftritt von Sad Max & The Gangsters Of Love der Publikumsandrang so groß gewesen, dass es keinen freien Platz mehr gegeben habe. Mit dem Reingewinn konnten die vorherigen Flops wettgemacht werden. Kuhn, der das aktuelle Programm zusammengestellt hat, ist auch mit der Veranstaltungsliste fürs zweite Halbjahr "schon fast fertig". Sein Wunsch ist, dass "die Publikumsgunst so gut bleibt wie in den letzten Monaten". Da einige neue Sponsoren aufs Gleis 1 aufgesprungen sind, hält sich seine Sorge um eventuelle Defizite in Grenzen. Auch Graef ist optimistisch: "Uns geht es gegenwärtig so gut wie lange nicht. Und die Zusammenarbeit im Vorstand und in den Projektgruppen ist hervorragend." Eines seiner eigenen Projekte stellt der Gleis-1-Chef am 9. Februar vor: die Rauminstallation "Zwischenlager Zeitraum" mit banalen bis bizarren Fundstücken aus drei Jahrzehnten.

i Das ausführliche Programm steht im Internet unter www.gleis1.net

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