Zum 13.09.2008 erscheint ein dokumentarischer graefart-Katalog zur Ausstellung für 20.- mit neuen Fotos

2000 erschien im Swiridoff-Verlag Künzelsau der Katalog KunstRegionBahn - bei uns erhältlich.

KunstRegionBahn "Ausstellungskonzept 2000"

Ausstellungsphilosophie und sozial-ästhetische Inspiration

 Die Leitidee der Kunstausstellung lag in der Verknüpfung der drei Aspekte, die den Namen prägen: KUNSTformen und Künstler/Innen sollten mit dem konkreten und „symbolischen“ VerkehrsmittelBAHNin Verbindung treten und damit für Menschen in derREGION  Heilbronn-Franken / Hohenlohe ein Zeichen setzen: für eine andere Mobilität. Die Ausstellung endete am bundesweiten Aktionstag „Mobil ohne Auto.

 An und in 30 Bahnhöfen zwischen Heilbronn und Schwäbisch Hall wurde von 80 KünstlerInnen  Kunstwerke und künstlerische Ausdrucksformen gezeigt, die diese Bahnlinie als traditionelles und modernes Kulturgut aus dem Abseits ins öffentliche Bewußtsein brachten.

Dieser Kunstakt, eine Austellungsaktion, diente nicht dazu, einer Firma oder einem berühmten Kunststar zu kommerziellem oder ästhetischem Ruhm zu verhelfen oder zu passivem Kunstkonsum, sondern sollte als gesellschaftliche Performance die Aufwertung der Bahn-Linie bewirken. Hierzu wurden Künstler und Kreativkräfte aktiviert - sie gestalteten mit ihren Arbeiten und Aktionen, ihrer Fantasie und Energie die Bahnlinie und Bahnhöfe neu - und trugen zu einer neuartigen Wahrnehmung dieses öffenlichen, ökologischen und kommunikativen Verkehrssystems mit seiner Bedeutung gerade im ländlichen Raum bei. Auch diese Eisenbahn gehört zum globalen Verkehrsnetz - und gerade dieser Schienenweg grenzenloser Mobilität eignet sich als Parcours für kulturelle Bewegung und Kunst.

Dies alles ereignete sich in der alten fränkisch -hohenlohischen Kulturlandschaft, in der die noch erhaltene Natur zunehmend durch Autoverkehr und Überbauung beeinträchtigt wird - während die umweltschonende Bahn hier noch vor ihrer Renaissance steht.

Dem Ausstellungskonzept lag offensichtlich ein Kunst-Begriff zugrunde, in dem Elemente der Wirtschaft und Kultur, der Umwelt  und der Kunst zu einem sozialen Kunstbegriff ohne enge  formalästhetische Grenzen erweitert wurden. Während einerseits auf Qualität, Professionalität und äthetische Tradition wert gelegt wurde, definierten wir Kunst demokratisch und offen - bis an die Grenze zur KeinKunst, hin zu modernen Formen bis zur Sozialen Skulptur. Erfahrungen sammelte ich als „Kunstagent“ vor einigen Jahren in Kirchberg,

wo über 20 Künstler/Innen eine kleine hohenlohische Stadt unter dem Titel SKULPTUR UND LANDSCHAFT neu gestalteten und künstlerisch modernisierten. Ebenfalls 1996 in Schwäbisch Hall mit zwei Ausstellungen unter dem Motto „DAS IST DOCH KEINE KUNST“, wo Grenzformen und Kunstgestaltungen zu sehen waren. Teile dieser Konzeption sind bei mir in Bretzfeld-Adolzfurt zu sehen, wo auch das Republikanische Postmuseum seinen Platz hat - eine 20-jährige Sammlung postalischer, skurriler und ironischer Objekte. Materialkunst, Find-art, Alltagskunst-(?)-Stücke. Marcel Duchamp hatte ich erst vor zwei Jahren durch Ferry Biller kennengelernt.

Gewisse Einflüsse der Kunstwelt und Welt-kunst Joseph Beuys waren unübersehbar, wenn man an künstlerisch- gesellschaftliche Leitideen wie Offenheit und Prozeßcharakter, den plastischen Prozess, den von mir nochmals erweiterten Kunstbegriff, die Provokation und die allgemein schwierige Annäherung („Hindernischarakter“) sowie das Philosophiekonzept vom Sozialen Organismus mit dem Menschen im Mittelpunkt denkt. Diese Kunstkonzeption wurden in Veranstaltungen während der Frühjahrs-Ausstellung diskutiert - und zwar in den Kunstwaggons oder auf einem der Bahnhöfe. Eine Reihe anderer Veranstaltungen neben der Vernissage und Finissage wurden zur zeitgenössischen Kunst durchgeführt.

 Denn eines war klar: das genaue Ergebnis und die Erscheinungsformen des DEMOKRATISCHEN GESAMTKUNSTWERKS BAHNLINIE waren und sind offen. Deshalb kam dem Kommunikationsprozess zwischen den beteiligten Künstler/Innen, der Interaktion während der Gestaltung und der Performance besondere Bedeutung zu - ebenso dem Dialog mit der Öffentlichkeit. Andererseits sollte hier der gesellschaftliche Bereich „Bundesbahn“ - nun Deutsche Bahn AG - nicht nur in den Metropolen Menschen und Kunstwerken Raum geben - wir entprivatisierten die DB.  Natürlich wollten wir auch die Namen der engagierten Künstler/Innen bekannter machen und deren erwerbbare Arbeitsprodukte ausstellen.

   Es gab bei der öffentlichen Ausschreibung keine Einschränkungen und keine Ausschlüsse - ein zutiefst basisdemokratischer Prozess in einer Zeit der Entdemokratisierung durch Globalisierung und Massenmanipulation. Es entstand die stilistische Vielfalt, die zur Einheit dieser Rail-Art wurde:

das Motiv Bahn oder Linie wurde vielfältig variiert, stand aber nicht  generell im Vordergrund. Neben Konzeptart oder Materialkollagen oder Junkart waren also klassische Radierungen, surrealistische Bilder, Land-art oder Steinskulpturen zu sehen, daneben Find-art (objet trouvé by KK98HA), Fotografien, Raumgestaltungen, choreografische Performances und Installationen. Wer 1997  die großen Berliner oder Hamburger Ausstellungen oder die documenta in Kassel sah, kann sich die Bandbreite der Möglichkeiten vorstellen.

 

Kunst und Energie -  Metaphysik, Universalität, Bedeutung.

Bemerkenswert ist ein metaphysischer Zusammenhang in Bezug auf Beuys und die Heilbronner Region, den der Künstler und Autor Gerhard Ullmann skizziert hat. Dabei verknüpfen sich  energetische und äthetische, ökonomische und gesellschaftliche Aspekte.

„Diese Reflexionen basieren natürlich nicht auf einer „beweisbaren“ Grundlage. Trotzdem gibt es eine frappierende Vielfalt unterschiedlicher Aspekte mit analogen Vorzeichen, die alle in eine Richtung deuten und somit eine Tendenz festlegen, die nicht übersehen werden darf.

Dabei verhält es sich so wie mit dem gesamten Werk von Beuys: weder der ästhetische Stellenwert allein noch der intellektuelle oder emotionale lassen eine Beurteilung der Aktion(en) zu. Vielmehr sind es die völlig verschiedenen Ebenen, die in ihrer Vernetzung eine Verschmelzung zum Gesamtkunstwerk bewirken: die Religion genauso wie die Politik und Wirtschaft, die Aktion, das Unterbewußte, das Material, der Intellekt wie auch die klassischen Techniken der Malerei, Farbe und Ästhetik.

Eindrucksvoll bei seinen zahlreichen Fluxusaktionen ist die Wahl des Ortes, der wir bei einem Schamanen rituell-magische Bedeutung besitzt.

  Im Falle unserer Untersuchung handelt es sich um eine Aktion, die erst Jahre später von Beuys als solche definiert und benannt wurde:
Die Aktion Hauptstrom, deren Stempel viele seiner Grafiken ziert, fand kurz nach dem Krieg in der Schalterhalle des zerbombten Heilbronner Hauptbahnhofes statt und stellt einen Auslösefaktor in seiner künstlerischen Lauf-Bahn dar. Beuys, der damals mit vielen anderen aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrenden Soldaten unterwegs war, sollte im Wartesaal der Bahnhofs übernachten, weil ein Beamter die zur Weiterfahrt notwendigen Papiere nicht aushändigen wollt. Darauf schlug er diesen nieder, legte den Hauptstromhebel des Bahnhofs um, kappte somit die gesamte Energiezufuhr und nützte die Dunkelheit, um mit seinen Papieren zu verschwinden. In vielen späteren Aktionen klingt immer wieder diese direkte Auflehnung gegen staatliche Willkür an.

Gerade im „energetischen Aspekt“ liegt ein Wesenskern seines Werks.

Beide Komponenten, die gesellschaftspolitische und die aktionsenergetische, wurden damals nach dem Weltkrieg in der legendären „Aktion Hauptstrom“ in Heilbronn begründet. Beuys äußerte sich über diese Aktion nur durch eine schriftliche Äusserung mit folgendem Inhalt: „Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt.“ Dazu kam noch der Stempel „Aktion Hauptstrom“.

Ohne Zweifel war Joseph Beuys ein moderner Magier - mit den Fähigkeiten zur Inspiration ebenso ausgestattet wie mit einem Automatismus, die richtigen Aktionen am richtigen Ort stattfinden zu lassen. Heilbronn war der richtige Ort, präziser noch, der zerbombte Hauptbahnhof: Vieles, was sich vielleicht wie eine verworrene Zufallsgeschichte anhört, konnte der Künstler zum damaligen Zeitpunkt gar nicht wissen. Es sollen auch keine esoterischen Spekulationen über diese Thematik angestellt werden - vielmehr soll sich der Leser selbst ein Bild über die aufgeführten Fakten machen:

n   Beuys war ein Künstler, dessen Werk vor allem im Zusammenhang mit energetischen Prozessen zu begreifen ist (Honigpumpe u.a.) Neben der physischen Energie denkt Beuys in den Dimensionen der psychischen, mentalen und übersinnlichen Energie, insbesondere nennt er den Kopf eine primäre Energiequelle. Besondere Bedeutung kommt der Wärmeenergie zu bis hin zur Liebe.

n  Heilbronn erlebte am 4. Dezember 1944, nicht lange vor dieser Aktion, innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums einen energetischen Kollaps, der tausende von Menschenopfern und die Vernichtung der ganzen historischen Innenstadt zur Folge hatte. Der alte Stadtkern wurde durch einen katastrophalen Bombenangriff mit  einer unvorstellbaren Energieexplosion vollständig zerstört.

n   Vierzig Jahre später war Heilbronn wiederum Ziel eines geplanten Angriffs: Atomraketen des Ostblocks waren auf das Energiezentrum Heilbronn gerichtet mit hunderfacher Hiroshimaenergie.

n  Der Grund: in Heilbronn lagerten unmittelbar am Stadtrand und ca. einen Kilometer von jenem Ehrenfriedhof entfernt, auf dem über 6000 Opfer jenes Angriffs liegen, bis 1987  Pershing-Atomraketen mit einer mörderischen Energieexplosion allergrößten Ausmasses.

n  Zurück ins 19. Jahrhundert: Das Gesetz zur Erhaltung der Energie - eine Erkenntnis, die gleichbedeutend mit Einsteins Relativitätstheorie ist  und die für die moderne Physik noch mehr Bedeutung besitzt als für die Religionswissenschaften - wurde von einem Heilbronner namens Robert Mayer entdeckt und zum ersten Mal formuliert. Dieser inzwischen weltberühmte Wissenschaftler landete im Irrenhaus.

n   Wie erst vor kurzem bekannt wurde, fand die allererste Bluttransfusion in Heilbronn statt. Sie wurde von einem Zahnarzt erfolgreich praktiziert. Die Energie dieses ganz besonderen Saftes kennen wir alle, nicht nur aus dem Werk Beuys.

n   Die bekannteste Figur Heilbronns, das „Käthchen von Heilbronn“ des Heinrich von Kleist  stellt ein Wesen aus einer anderen Welt dar, das besondere Erkenntnisse und Gesichte (Erscheinungen) hat, die über die Wahrnehmung durch Sinnesorgane hinausgehen. Ähnliche Wahr-Nehmungen hatte auch Friederike Haufe, bekannt als „Seherin von Prevorst“ und berühmteste Patientin des romatischen Dichters und Arztes Justinus Kerner, der sich mit der Psyche der Menschen und der Nachtseite der Welt beschäftigte und „Die Reiseschatten“ verfasste. Dieses Buch gehörte zu Kafkas Lieblingslektüren.

n   Kerner wiederum wurde als Jugendlicher von Dr. Gmelin in Heilbronn erfolgreich mit Mesmers umstrittener Heilmethode, den magnetischen Strichen behandelt. Der Magnetismus oder Mesmerismus ist eine ganz besondere Energieform. Mesmer selbst, der behauptete, die Quelle aller Energien gefunden zu haben, starb vereinsamt in Meersburg am Bodensee.

n   Sein Kollege im Geiste, Wilhelm Reich, der vor den Nazis nach Amerika floh und ebenfalls die Wirkungsweise der kosmischen Energie und der körpereigenen Orgonenergie entdeckt hatte, starb in einem amerikanischen Gefängnis, wo er in den berüchtigten 50er Jahren wegen Scharlatanerie einsitzen musste. Energie - vor allem schwer messbare, unbekannte - zu kennen oder zu besitzen, ist offensichtlich auf allen Ebenen etwas sehr Gefährliches.

n    Die Mysterien finden im Haupt-Bahn-Hof (Heilbronns) statt. Dieser Ort liegt an der Bahnlinie von Stuttgart nach Schwäbisch Hall.
Gegen Kriegsende sollte der Eisenbahnknotenpunkt und Hauptbahnhof in der Stadtmitte Stuttgarts vor der drohenden Bombardierung geschützt werden. Deshalb wurde ein kleiner Bahnhof zwischen Stuttgart und Heilbronn als Köder für die Luftangriffe stark illuminiert. Die vernichtende Energie sollte nach Lauffen am Neckar umgeleitet werden.

n    Lauffen ist energetisch nicht ganz unbedeutend: Friedrich Hölderlin wurde hier geboren, der 40 Jahre seines Lebens in einer anderen, metaphysischen Welt zubrachte.

n     Dass am Neckarstrom in Heilbronn ein Großkraftwerk und gegenüber Lauffen das Neckarwestheimer Atomkraftwerk liegt, ist kein Zufall. Eines der ersten Nuklearkraftwerke liegt gegenüber Lauffen, von wo aus die erste Stromübertragung der Welt nach Frankfurt stattfand.

n   Vielleicht ist dies alles nur Zufall. Robert Mayer genauso wie Hölderlin und Kerner, die erste Blut- und Stromübertragung, der Stuttgarter und der Lauffener und Heilbronner Bahnhof und diese Bahnlinie und und und...

n   Vielleicht finden die Mysterien heute wirklich im Hauptbahnhof und nicht mehr in der Kirche statt. Vielleicht in der Kunst oder an der Bahnstrecke.

n   Die Aktion Hauptstrom jedenfalls ist ein Faktum, und an Fakten sollten wir uns halten.“

 

Ullmann hat diesen Aspekt in seinem ENERGIERAUM im Weinsberger Bahnhof gestaltet; SOPHIA hat im Keller des Hauptbahnhofs, der noch vom alten Reichsbahnhof erhalten ist, eine „energetische Kathedrale“ eingerichtet und dort wie in anderen Bahnhöfen an der Strecke ihre „Steinarbeit“ in Form mittelalterklicher spiritueller Gesänge gestaltet.

  Die einzelnen Kunstwerke und Künstler mussten diese kunstphilosophische Reflexionen nicht teilen und das Gesamtkonzept ist davon unabhängig. Immerhin - die Bahnlinie war und ist eine Energielinie aus Eisen und Holz, Zügen und Menschen mit einer eigenartigen Magie. Insofern konnten diese Überlegungen Ullmanns im Kontext unserer Kunstausstellung interessante Assoziationen auslösen, meta-ästhetische Kunstbetrachtungen ermöglichen, Nachdenklichkeit und Freude bewirken. Uns gelang eine Regionale Soziale Skulptur -.....durch Kommunikation und Fantasie, Kreativität, Kunstwerke und Neugestaltung bahnten wir der Bahn einen Kunst-Weg in die Zukunft: KUNSTHAUPTLINIE statt NEBENSTRECKE !!!

 Begeben wir uns also nochmals im Rückblick gedanklich auf den Weg: Über 40 Künstler hatten sich angeschlossen. Wir betrachteten GENAU die Gleise, Bahnsteige, die Unterführungen, die nach dem Krieg wieder errichtete Bahnhofshalle und den Heilbronner Bahnhofsvorplatz, den alten Keller des zerstörten Bahnhofs. Die Ausstellungs-Räume und -plätze wurden künstlerisch verändert: die Schweissplastik „Auseinandersetzung“von Jochen Wahl - im Zentrum unseres Ausstellungsplakats - zierte das Portal des Hauptbahnhofs. Darko Gols drei Chakra-Skulpturen und Detlev Pflugs Bahnschwellen- Stelen verwandelten den Vorplatz. Peter Scholz hängte eine grosse rote Fahne ins Fenster, Wolfgang Göhners Bilder lockten im Kiosk Zuschauer an, Stephan Hans und Thomas Matuschek zeigten Arbeiten im Eckkiosk und in Schaukästen - und Johannes Seibt Neckarnachen sowie die Schiffahrtszeichen regten viele Diskussionen an. Weitere Objekte, Installationen und Fotografien von Hans A. Graef sowie Bernhard Deutschs Automaten ergänzten die Hallenausstellung. Ferry Biller wertete seine Installation „Hanta Yo“ durch eine Performance auf - Informationstafeln und Bildertafeln informierten in der Unterführung zu den Gleisen die Passanten und Kunstbetrachter.

Vom Zug aus sahen wir die Eisenbahnschienen und den architektonischen Kontext der Bahnstrecke, die Station Karlstor - das alte Bahngebäude ist noch durch Objekte und durch Bilder vertreten - und das folgende Tunnel .

Der historische Weinsberger Bahnhof mit seinen alten Steinen und Fenstern ist wie die folgenden ein typischer Sandsteinbau. Piktogramme von Thomas Warnecke waren bei der An- und Abfahrt ein optisches Erlebnis. Jonas Ullmann, Denis Kachelmus, Felix Blohmer und Frank Beni gestalteten mit einer Lomo-Installation, Bildern und sehenswerten motivbezogenen Raumobjekten den Schalterraum - darunter Benis Nebenraum „re“ mit Klangcollage. Gerhard Ullmann verarbeitete in seinem „Energieraum“ das Leitmotiv der Exposition - Bildtafeln, Briketts und Plakate.

  Haltestationen in Ellhofen, Sülzbach und Affaltrach, dazwischen der oft leere Willsbacher Bahnhof mit Nebengleisen, alten Schienen, Böschungen und großem Vorplatz: Neben Bildern und Plakaten von Jochen Wahl und Heidrun Kessler-Politz waren in zwei Sonderausstellungen berühmte Tapisserien von Ingeborg Schäffler-Wolf sowie Plastiken und Radierungen von Wahl zu sehen. Gerhard Ullmann und der Konzertpianist Robert Rühle führten gemeinsam mit anderen dort bei der Obersulmer Vernissage eine einzigartige Kunstschau vor. Der Bahnhof in Eschenau neben dem schienengleichen Bahnübergang am Rande der Weinlandschaft wird von örtlichen Vereinen genutzt und gerade umgebaut.

   Auch die seit zwei Jahren leerstehende Bretzfelder Bahnstation - ist Zeuge einer bedeutsamen Vergangenheit: Im verlassenen Haus standen Teile der „Sammlung Graef“ - als „KK98HA“-Galerie zu sehen. Auch die „Blühenden Landschaften“ beim Güterschuppen mit dem „Golden Trabi“ erweckten Interesse.

Nächster Haupt-Bahnhof ist Öhringen. 1997  wurde der Vorplatz neu gestaltet, verkehrgünstig unmittelbar am Stadtkern gelegen mit großem Besucheraufkommen, auch wegen des Omnibusbahnhofs. Karl-Heinrich Lumpps zwei Steinskulpturen und vier Aquarelle, Gerhard Dautels Ölbilder und Fotos machten diese Räume zur Galerie - und Ingrid W. Jägers „Einladung“ sowie John Jeanpierres „Out of Line“ waren Magnetpunkte auf den Bahnsteigen; beide Letztgenannte machten im Rahmen einer ZONTA-Sonderfahrt am Schlusstag noch eine Sonderausstellung im Nebenraum, wo zuvor Sabine Naumann-Cleves Modescheuche zu sehen war.

Durch wogende Felder, vorbei  an vielen Höfen und Bauten, fährt die Bahn weiter. Höchst idyllisch der menschenarme Bahnhof in Neuenstein - das Eisenbahn-„Schloss“ mit  großer Ausstrahlung weckte durch Ferry Billers Bahnhofsgalerie erhebliches öffentliches Interesse: Assemblagen und Objekte. Ebenfalls war dies der Fall  in Waldenburg, einem ehemaligen Knotenpunkt mit Abzweig Kupferzell-Künzelsau, unterhalb der weithin sichtbaren Bergstadt im Tal gelegen im Gewerbegebiet. Sabine Naumann-Cleve, Gerhard Dautel und Ursula Kensy gestalteten den Hauptraum dieses grossen Gebäudes: Drei Herzen für den Tag, Grünung, Moosbank und Relieflandschaften. Auf dem Bahnsteig 1 Otfried Faul-Grünfelders Eisenplastiken und das vielbeachtete Handgepäck - Koffer und Taschen aus Holz - von Ursula Kensy. Kunst am verlassenen Ort. Herrliche ruhige Blicke über das wunderschöne Hohenloher Land mit seinen Wäldern und Hügeln ergötzen hier den Zugfahrer, wie sie kein Autofahrer haben kann.             

 In einem weiten Bogen durch das Hohenloher Land schwingt sich die Strecke vorbei an Kupfers aufgelassenem Bahnhof, vorbei an Gailenkirchen und dem Museumsbahnhof „Kupferzell“ im Freilandmuseum Wackersdorf - wo Ursula Kensy und Hans A. Graef in der Aktion der Sozialen Skulptur ein Denk-Mal „Baustelle Haltepunkt Wackershofen“ installierten -  geht es weiter Richtung  Hall. Im Vorbeifahren sah man am Bahnhof Kupfer Arbeiten von Heinrich Dyckmans stehen.

Tief unten im Tal erscheint links die Reichstadt Schwäbisch Hall in ihrem mittelalterlichen Glanz. Der nach 1945 neu erbaute Bahnhof mit seinen grossen Wirtschaftsgebäuden und vielen Gleisen liegt hoch oben, steinerne Schalterhalle mit Glasfenstern, verlassene Betriebsgebäude jenseits der Geleise, alleenartiger Vorplatz. Herma Walter, Veronika Solzin und Achim Vollbach haben in der Schalterhalle und in den DB-Tafeln mit Farbbildern und Bildimpressionen künstlerische Spuren hinterlassen. Metallfiguren Otfried Faul-Grünfelders begrüssten die Fahrgäste auf dem Bahnsteig. Neben Fotografien stellte Hans A. Graef die Installation „henergy 4“ aus - im alten Waaghäuschen gegenüber.

Über glänzende Schienen fährt die Bahn über die Kocherbrücke in den Vorort Hessental, der den Anschluss an die Hauptstrecke Stuttgart - Nürnberg, München - Berlin, Rom - Moskau bringt. Wieder ein alter Sandsteinbau mit zahlreichen Eisengleisen, Holzschwellen, einem Kiosk und einem belebten Schalteraum. Direkt hier, auf dem ehemaligen Schrottplatz, lag gegen Kriegsende ein KZ-Arbeitslager, dessen Anschlussgleise erst jüngst entfernt wurden.

Die Gesellschaft für Kunst Hohenlohe, Künstlerbund e.V.  hat hier ein Gesamtkonzept aufgestellt, was sich z.T. thematisch mit dem Ensemble auseinandersetzte: Peter Winterhagen malte auf ein Rondell Bildcollagen zur Erinnerung, als sozialhistorische Installation, und Lore Jahnel gestaltete die Gleisunterführung mit grossen Plastiktafeln zur Erinnerungsstätte; beide machten eine Ausstellung im Bahnhofsnebengebäude. Lore Jahnels Performance am 16. Mai lockte - unterstützt vom Chor des Schlossgymnasiums Künzelsau und der Mauthausen-Kantate von Mikis Theodorakis - viele Besucher an. Die Aktion existiert noch als Videofilm. Ute Schmidt, Sybille Helmer, Hans Kübler, Ramon Leyendecker und Heinrich Dykmans haben den äusseren Bereich mit Bildtafeln, Holz-Metall-Skulpturen, Plastik-Objekten und Kontext-Kunst gestaltet. Marion Reuter und Hedwig Maier-Mönch zeigten im Schalterraum Erinnerungsobjekte, Fotografien und übermalte Postkarten - als Reiseerinnerungen.  Dieter Häussler und Thomas Achter  stellten Aquarelle, Bilder und einen Salz-Objektkasten aus. Etwas besonderes war hier die Nutzung eines Nebengebäudes als „Wochenend-galerie“-  unter dem Motto „Instant-Galery“ wurden einzelne Künstler an Sams- und Sonntagen präsentiert.

 Galerie auf Rädern: Ebenso wie in der Hauptbahnhofs-U-Galerie waren in den Kunstwaggons der Dampfbahngesellschaft Kochertal  fast jeder Teilnehmende vertreten, sodass von  jedem neben teilweise mehreren Arbeiten an verschiedenen Bahnhöfen Spuren in den mobilen Waggons zu finden waren, die auf fünf Bahnhöfen Halt machten und Ort von Aktionen wie Künstlergesprächen, literarischen Lesungen oder gesellschaftlichen Performances wie der Aktion „Mehr Demokratie für Baden-Württemberg e.V.“, deren Landesvorstand mein Gast war.

Viele Kunsträume, 1000 Möglichkeiten und viel Bewegung - es war eine lohnende Aufgabe,  an der Wiederbelebung dieser wichtigen gesellschaftlichen Einrichtung mitzuwirken.

42 Künstlerinnen und Künstler folgten dem Aufruf zur Gestaltung der REGIONALEN SOZIALEN SKULPTUR  BAHN-LINIE HEILBRONN-SCHWÄBISCH HALL - viele andere beteiligten sich.

Bereits die sehr schöne und viel  beachtete Hauptbahnhofs- und Zugvernissage am 21.3. bot ein umfangreiches Programmund setzte neue Masstäbe: Neben Redebeiträgen des württembergischen DB-Chefs Hartmut Liebs, des Bahnhofsmanagers Wolfgang Bartels und des Initiators Hans A. Graef tanzte Daniela Stotz eine Performance, spielte Piper „Hardy“, Reinhard Hermann auf dem Dudelsack. In fröhlicher Frühjahrsfahrt besichtigten 200 Gäste alle Bahnhöfe, bekamen eine einzigartige Sondervorstellung am Bahnhof Willsbach zu sehen: der Komponist und Pianist Robert Rühle führte begleitet von Worten Uta und Gerhard Ullmanns und eine Seiltänzerin auf dem Gleis ein Klangcollage vor, die alle bezauberte. Alle Kunstbahnhöfe wurden gezeigt, die Kunstwerke erläutert. Kunstfeste in Hessental, Bretzfeld und Weinsberg wurden abgehalten. Bemerkenswert waren die Bahnhofsgesänge „Steinarbeit“ SOPHIAS  in  den Schalterhallen bzw. im Heilbronner Bahnhofskeller, den die Künstlerin eingerichtet hatte. Die Ausstellungsaktion der Öhringer Realschule unter Leitung von Frau Kirchner entsprach exakt der Intention der Sozialen Skulptur - dort stellten Schüer sehenswerte Bildtafeln im Bahnof aus. Rudolf Stirn hielt im Kunstwaggon in Heilbronn eine bemerkenswerte lterarische Lesung aus seinem „Gedankengänger“ und einer Eisenbahnerzählung ab - eine wundervolle Atmosphäre am Gleis. Hardy und Tim Mal-Doror lasen aus ihren Gedichten und Texten. Kunstagent Hans Graef sang Lieder zur Gitarre. Etwas besonderes war die Sonderfahrt von ZONTA international am 20.6.: wieder Bahnhofsführungen, Sonderausstellungen durch Ingegorg Schäffler-Wolf und Jochen Wahl in Willsbach - wo auch das Kaffehaus Hagen, Heilbronn, eine grosse Kaffeetafel offerierte - und Ingrid W. Jägers und John Jeanpierres in Öhringen - John spielte zudem Schlagzeug auf dem Bahnsteig -, eine theatralische Lesung mit Reiseliteratur in Waldenburg, eine Ausstellung Lore Jahnels und Peter Winterhagens in Hessental - wo das Weingut Drauz, Heilbronn einen Stehempfang bot.

Die um eine Woche verschobene Finissage wurde durch das Stadttheater Heilbronn mit Szenen von Ludwig Thoma und Loriot bereichert. Viola von Lewinski und Thomas Braus spielten in der Matinee am Haupteingang der Schalterhalle „Autofrei“ und „Erste Klasse“. Daniela Stotz tanzte zu Didjeridoo-Klängen und den Modescheuchen Sabine Naumann-Cleves, Hans A. Graef zeigte die Beuys-Vortragsperformance „Goldkopf schwarz“, Mark Schwenzer und Hardy lasen lyrische und Prosatexte und die Art-Rock-Band „Krankheit der Jugend“ spielte Undergroundpoetik von Tim mal-Doror, Andy W., Suco`bus und D. Werk.

Erinnern möchte ich auch an die beiden grossartigen Chanson-Abende  der beiden Stdtbüchereien in den Bahnöfen Schwäbisch Hall und Waldenburg mit dem Titel „Das Eisenbahngleichnis“ - Texte und Lieder mit Klavier zum Thema Reisen.

Die Zusammenarbeit der Beteilgten war grossartig, neue Künstlerbeziehungen ergaben sich, die BahnKunst war Thema in der Öffentlichkeit - das neuartige Kunst-Projekt gelang trotz Abstrichen so gut, dass der Wunsch einer noch verbesserten Wiederholung oft zu hören war.

Die Resonanz in den Zeitungen war beachtlich, S2-Kultur und S4-Frankenradio berichteten und der Heilbronner  Sender brachte eine Morgen-Rätselfrage, deren Gewinnerinnen aus Ohrnberg ich einen Nachmittag lang die Ausstellung zeigte. Südwest 3 drehte einen Tag lang ein Fernseh-Feature, das in der Reihe „Eisenbahnromantik“ am 27.9. um 17.45 ausgestrahlt wird. ------  Aus diesem geglückten Experiment könnte eine Biennale -  KunstRegionBahn 2000 könnte Realität werden.