„ZWISCHENLAGER ZEITRAUM“ im Kunstbahnhof Waldenburg
Hans A. Graef www.graefundgraef.dehans.a.graef@t-online.de www.graefart.de
Seit dem 9.Februar ist der ehemalige Schalter- und Warteraum im Bahnhof Waldenburg – zuvor Imbiss – zur Kunstgalerie verwandelt. Der Konzeptkünstler Hans A. Graef hat im Rahmen seiner Kunstsammlung „Die Ordnung der Dinge“ das „ZWISCHENLAGER ZeitRaum“ als Ensemblekunst gestaltet – in 11 Vitrinen ruhen hunderte wertschöner Objekte, nach Farben und Formen sortiert. Alle Dinge spiegeln die verfließende Zeit wieder, die Metamorphosen der Konsum- und Naturmaterie erstrahlen in seltenem Glanz. 50 Beispiele aus neuen digitalen Fotoserien hängen an der Zwischenwand. In der Mitte steht die raumgroße BLACKBOX , in der die Zeit stillsteht – auf einem Plattenteller zirkuliert ein Licht, ein Super8-Gerät spult alte Filme von der documenta 1977 ab, Klänge der CD „Zeitkratzer“ erfüllen die Sphäre.
In der historisch-ästhetischen POSTSTELLE liegen zahllose Postobjekte, originale Brieftelegramme wie das des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. u. ä. Schriftstücke sind zu entdecken, das Zustellerregal ist streng farblich sortiert, die Stimme von Marcel Duchamp zum „objet trouvé“ erklingt. Im Gepäckraum befindet sich eine Beuys-Installation, ein Regal von kündet von alten Bahnzeiten, eine Tragbahre, Erinnerungsstücke und Plakatliteratur weisen auf das Werk des Weltkünstlers. Eine akustische Skulptur erfüllt den Raum mit Stimmen von einem Anrufbeantworter. Die Definition des Kunstbahnhofs als Soziale Plastik im Rahmen seines erweiterten Kunstbegriffs findet hier statt – dem entspricht auch die künstlerische Integration der politischen Aktionen „Mehr Demokratie“ und „ATTAC“, die hier nun ein Büro in Hohenlohe haben. Die Beuys-inspirierte Kunstaktion „Omnibus für direkte Demokratie“ in Waldenburg aus dem Jahre 2004 wird dokumentiert.
Im FOYER vor der Künstlerkneipe „Gleis1“ sind verschiedene Bilder der „Graefart“ präsentiert, u. a. die Fotoserien „Alte Schiffe auf dem Canal du Midi“ und „PISA-art“, eine Schülerperformance zur sog. Bildungsmisere. Die Plakatausstellung von Terre des Hommes „Vertreibung von Kindern verhindern“ wird als Wandinstallation plastisch kommentiert. In der Vernissage zu dieser umfangreichen Rauminstallation zeigte Kunstagent Graef - im fiktiven Dialog mit seinem Über-Ich - den modernen Werkbegriff auf, erläuterte Interpretationsfolien wie Soziale Plastik, Duchamps, Stillleben oder „Zettels Traum“ von Arno Schmidt, das ausliegt. Graef performiert den Kunstbahnhof zum „Weltkulturerbe in Hohenlohe“. Diese Kunstausstellung wird langfristig hier ihren Platz finden und als „work in progress“ laufend transformiert bzw. als Ensemblekunstwerk im Bahnhof permanent ästhetisch erweitert. Besichtigungen bzw. Führungen auf Anfrage unter hans@graefundgraef.de , 0794695434 oder während der Veranstaltungszeiten im Gleis1. www.gleis1.net .
graefart2004 – kunstKONZEPTE der Kunstagentur KK04HA
Im Frühling 1999 entstand die Soziale Plastik
„Künstlerkneipe Bahnhof Waldenburg GLEIS1“ – ein Kunst- und Kulturverein
mit inzwischen 400 Veranstaltungen, darunter 40 Kunstausstellungen. Im
Werkstattatelier im 1.Stock fand meine Kunst- und Utensiliensammlung einen Raum
mit dem Titel „Die Ordnung der Dinge“. Neben älteren Postobjekten, zahllosen
Fotos, Büchern, Kunstwerken und Kleinteilen sind hier alle biografischen
Relikte präsentiert, die ich auf dem Weg zu meinem „Lebens-kunstwerk“ gesammelt
habe. Meine Konzept der „Find-art“ ist inzwischen über 25 Jahre alt:
Kunst nicht primär herstellen, sondern zu „finden“ ohne sie zu suchen. Das ist
eigentlich Wahrnehmungskunst und verwandelt den Alltag zum Kunstalltag,
den Menschen zum Alltagskünstler. Der Alltag besteht aus Kunstübungen, Dinge
neu sehen – und vor allem weggeworfene Objekte und Fundsachen neu zu sehen. Das
kann man auch art-recycling nennen, Erinnerungen stecken in jedem Ding. Auf das
Hauptwerk des Hermeneutikphilosophen Hans-Georg Gadamer „Die Aktualität
des Schönen – Kunst als Spiel, Symbol und Fest“ möchte ich hinweisen, der etwa
ab Seite 32 ausführlich über die Frage der hermeneutischen Identität der Kunstwerke
reflektiert: wichtig sei die Improvisation, Assoziation und Interpretation
dessen, was man als „Werk der Kunst“ betrachtet. Im Gegensatz zur
traditionellen Kunst möchte die Moderne den Abstand des Publikums zur Kunst
durchbrechen, in der Kommunikation künstlerischer Zeichen entstehe dieser
„bedeutungsgebende Sinn“. „Was ist es, wodurch ein „Werk“ als Werk seine
Identität hat ?“ (S.34) „Der Mitspieler gehört zum Spiel“. Hier also: die
Kneipengalerie bringt Kunst zum Publikum, ohne eine Galerie-Schwelle.
Aber die Ordnung der Dinge ist kein reines Müllensemble, man denkt auch nicht gleich an Müll, höchstens fragt man sich, weshalb hat der das nicht weggeworfen. Es ist mein biografisches „Arsenal der Erinnerungen“ – so lautete 1998 der Titel einer Ausstellung im Haus der Kunst München. Seitenweise könnte ich hier die Einleitung zitieren – Sie können das im Werkstattatelier oben nachlesen, wo ich einige grundlegende Werke zu meinem Kunstverständnis ausgestellt habe.
Lange nachdem ich das intuitive Kunst-sammeln-finden-herstellen begonnen hatte, besuchte ich zur Wendezeit 1990 den Gropiusbau Berlin und das Werkbund-Archiv. Das war eine Offenbarung der Sammlungskunst, die sich später in dem Ausstellungsprojekt „Die Schönheit der Dinge“ (1998) fortsetzte. Allmählich entdeckte ich, dass zu meiner „Lebenskunst“ des täglichen Sammelns, der Präsenz künstlerischer Arbeit in meinem durch Beruf, Haus- und Politikarbeit überfüllten Alltag dieser im Ergebnis offene Prozess dazugehört, ein Teil von mir wurde. Und das vorläufige Ergebnis liegt nun in Form dieser zigtausend Stücke in Rauminstallationen (bzw. in Kartons) – im Waldenburger Bahnhof gibt es zwei weitere Installationsräume, nun sind auf Zeit weitere 5 Räume einer leer stehenden Wohnung hinzugekommen und das Ausstellungsprojekt Kunstbahnhof wurde erweitert: die „Geheimgalerie“ hat 11 Räume, wobei Ausstellungen für mich immer auch „Zwischenlager“ meines Oikos (Haushalts) sind.
Greade rechtzeitig und keineswegs zufällig erschien nun 2003 der erste Band des KUNSTFORUMS zur „Theorie des Mülls“ – mehrere Aufsätze beschreiben exakt (auch) meine Arbeit von 25 Jahren, meine Archivierung des unnützen Überflüssigen, meine Nichtwegwerfphilosophie, die Ästhetisierung des Abfalls, die Magie meiner Ordnung der Dinge, die Mystik Sinnhaftigkeit gerade kurzlebiger Dinge, meine letzte Freiheit beim Sammeln des Anfälligen, hinter dem auch bei mir wie bei jedem Intellektuellen, Kunstschaffenden letztlich eine irdische Verzweiflung steckt, der mit der Kunst spielende erwachsene Homo ludens, die Wertlosigkeit der Wertigkeit des Kunstbegriffs, der amorphe Zustand der disparaten ungeordneten Welt – die ich als völlig subjektiv und intuitiv rekreiertes Chaos entstehen lasse, ohne Ende, Dingesammeln als Feldforschung der Chaostheorie, Chaos als Bewegung als Dynamik als Metamorphose als (mein) Lebenselement. Mit zufriedenem Erstaunen las ich das Kunst-Forum 1/2004 zur„ Müllkunst“: Herausgeber Paolo Bianchi im Editorial. „Müll ist das Gegenstück zur Kunst. An den Rändern des Lebens, irgendwo zwischen Dunkelheit und Licht, ist alles zu finden: der Müll, die Kunst und – das Lebensglück. Die Müllhalde ist ein SCHATTENGARTEN. Der Müll spricht zu uns als Schatten der Kunst: anarchistisch, erotisch, obsessiv, zweckfrei und absichtslos. Der bürgerliche Besitztrieb, die kapitalistische Konsum-Akkumulation wird zugleich anschaulich parodiert: kaufen, kaufen, Ja zum Konsum – und am Ende ….. übrige Dinge, Reste, Müll. Ein Sammlungs-Raum beschäftigt sich damit.
Die Ordnung der Dinge habe ich in den Sand gesetzt, es gibt in diesem 25 qm großen ehemaligen Wohnzimmer einer Bahnvorsteherfamilie nur bräunlichen Sand als Zimmerboden. Die Find-art mehrerer Vitrinen ist zur Hälfte nach Elementarfarben geordnet, links steht der „Hausaltar,“ ein altes Postregal für Zusteller; rechts hängen Wandregale der Unrodnung. Im Sand liegt u.a. Zettels Traum von Arno Schmidt, als eine gewisse Interpretationsfolie, wie ich Findart meine: statt zahlloser Zettel wie der Dichtergott in seinem Werk habe ich in meinem „Sommernachts(t)raum“ die Gegenstände selbst zusammengetragen, zahllos, unübersichtlich, der Sammelrest ruht noch in Regalen im Nebenraum und wird später vollständig bei der Ausstellung graefart graef & graef gezeigt werden, sofern die Räume ausreichen.
Find-art ist ein umfassendes Konzept, denn auch Naturfundstücke werden einbezogen. Oft werden diese mit minimalen Effekten der Fast-art verwandelt, ihr etwaiger Metamorphosenstatus wird festgehalten. Übrigens ist Fastart für Kreative eine Notwendigkeit, denn nicht nur Fastfood spart Zeit, die man einfach nicht hat – ebenso ist es mit schnell entstehender Kunst, die sozusagen teilweise im Vorübergehen entsteht.
Im Zentrum meiner Arbeit steht immer noch die Lösung der Frage, „was ist Kunst“ die im Dumont-Taschenbuch 197 (Andreas Mäcker) beantwortet wird. Das Kunstforum 162 ÜBER DAS KANONISCHE - WAS IST KUNST steht im Zentrum jeder Ausstellung, auch die Forum-Bände LEBENSKUNSTWERK oder KUNST OHNE WERK haben mich be-geistert. Die Kategorien der Kunst werden mit 1080 Zitaten berühmter Denker definiert: Kunst als (K = X) Know-how, Natur, Wissenschaft, Schönheit, Metaphysik, Kunst als Kunst, als spezifisch menschliche Tätigkeit- und jetzt kommen meine Kategorien: K = Ordnungssystem, Kommunikation, Politikum, Sublimation, Leben. Kunst als Lebenskunstwerk im globalen Zeitalter des autonomen homo sapiens globalis.
1972 begegnete mir in Kassel auf der Documenta 5 die Honigpumpe und ihr Erfinder, der die Kunst so begriff, wie ich sie begreifen konnte: nicht (nur) als l’art pour l’àrt, sondern als erweitertes Medium. Die Freie Unsiversität sowie die Soziale Plastik der Direkten Demokratie überzeugten mich nachhaltig. Als Literatur- und Politikstudent sprach ich längere Zeit mit Beuys, der ja in dieser Zeit nach der Studentenbewegung so richtig loslegte mit atemberaubenden genialen Rauminstallationen und gesellschaftsrelevanten Kunstaktionen – nicht zu vergessen die begriffliche Arbeit an Geist und Materie, Kultur und Wirtschaft. Mehrfach hörte ich Vorträge des Meisterschülers Johannes Stüttgen, einmal war Hans van der Grinten Vortragsgast in der Künstlerkneipe. Aus diesem Gleis1-Projekt ist zuletzt eine Regionalgruppe Attac-Hohenlohe hervorgegangen. Im November war der Omnibus für direkte Demokratie mit Werner Küppers zu Gast bei uns. Nie war die Frage nach der sozialen und demokratischen Gestalt unserer Gesellschaft dringender wie zur Zeit des entfesselten globalitären Börsenkapitalismus.
Die Philosophie des revolutionären Künstlesr Marcel Duchamp lernte ich erst 1996 kennen. Sie können seine Stimme von CD in der Geheimgalerie hören. Seine Readymades oder „objet trouvé“ (1913) bezeichnen Gegenstände und Objekte (Hingeworfenes), das aus dem Kontext gelöst und wie ein Kunst-„Werk“ behandelt wurde – vorgefertigte Dinge werden durch die Wahl und Präsentation des Künstlers zum Kunstgegenstand. Hieraus entstand übrigens die Objektkunst in der Popart. Analog ist bei meiner „graefart“ der Kontext bedeutend, der Zusammenhang der Umwelt bzw. des Umfeldes und der Bilder, Zeichen, Dinge, Räume. Dies gilt besonders für das Werkstattatelier im 1. Stock, wo nicht nur der phantastische Künstler Jochen Wahl mit seinen vielfältigen surrealistischen Bildern und Skulpturen arbeitet, sondern wo das Zentrum meiner 10 000 Kunstteile liegt. Deutlich wird die Bedeutung des Umfelds auch im 2. Stock des Kunstbahnhofs, wo ich eine seit 20 Jahren leerstehende Eisenbahnerwohnung kunstinstandgesetzt habe: Anninas Fotogalerie, „global room“ Attac Africa, Kulturgeschichte, Beuys-Raum, Ars dilettanti, ein gut isoliertes Kinderzimmer.
1977 gründete ich in einer durchzechten Nacht zusammen mit Ludwig Stark und Hanspeter Engler, Schul- und Studienfreunden, das Republikanisch-Sozialistische Postmuseum – gesammelt wurden primär Objekte, die „Wendelin Witzig“ aus alten Postämtern und von seiner Streifzügen als Zusteller in Ludwigsburg mitbrachte. Rasch wurde das erweitert – gesammelt wurde alles Mögliche. Gegründet wurden zeitgleich Bürgerinitiativen gegen Atomstrom aus Neckarwestheim, das Pädagogische Lehramt war erreicht, die Umweltschutz- und Friedensbewegung entfalteten sich und die GRÜNEN wurden gegründet. Auch da oder auf dem Achberg konnte man Beuys treffen.
Trotz mehrerer Umzüge - jeder Umzug birgt die Gefahr der Selektion - hörte ich nicht auf, mich mit der Kunst des Sammelns bis hin zu experimentellen Kunstformen zu befassen – neben der ernsten politischen Arbeit mit ihren Sachzwängen etwa durch viele Kandidaturen zum Bundestag usw. ergab sich die Notwendigkeit, durch die Kunst dem Leben eine kreative Seite abzugewinnen. Die Sammlungskunst führte allmählich zu Raumgestaltungen, zu Materialkunst und zur Verarbeitung dieser biografischen Relikte: Fundstücke, die man eigentlich wegwirft, die ich aber im Augenblick des Abfalles bei Seite legte und artifiziell recycelte. „Kunst in Haus und Garten“ in Schwäbisch Hall, dann die erste größere Ausstellungsaktion gemeinsam mit Susanne Gerber als kunstagentur konfrontation in Kirchberg – das Bestreben, den öffentlichen Raum, zusammen mit anderen für die Kunst einzunehmen, wurde gemeinsam mit 30 Künstlern realisiert. Unablässig rezipierte ich hunderte von Ausstellungen. Durch Skulpturenexperimente, Bildermontagen, Objektgestaltungen und immer wieder Fotos bis hin zur Lomografie entwickelte sich das kreative Chaos zur Kunstform.
Die öffentliche Ausschreibung zu KunstRegionBahn98 war die nächste Aktion: in und an 12 Bahnhöfen zwischen Heilbronn und Schwäbisch Hall organisierte ich gemeinsam mit 40 Künstlern KunstRegionBahn98 – eine dreimonatige Kunstschau zur Belebung der Bahnlinie. KunstRegionBahn2000 war dann die Fortsetzung mit großem medialem Interesse einschließlich Rundfunk und Fernsehen, wo ein viertelstündiger Bereicht ausgestrahlt wurde. An 30 Bahnhöfen der Region Heilbronn-Franken gestalteten insgesamt 80 Mitwirkende die Soziale Plastik Kunstbahnregion zwischen Heilbronn und Crailsheim, Wertheim und Eppingen. Im Verlag Paul Swiridoff erschien ein Katalog. Beteiligt waren neben der Deutschen Bahn und der Bausparkasse Schwäbisch Hall die Bürgerinitiative Pro Region mit ihrem Vorsitzenden Prof. Dr. Reinhold Würth. Das Programm der Künstlerkneipe besticht durch seine „Einheit in der Vielfalt“ – alle Kunststile, diverse Musikrichtungen, eine Offene Soziale Kultureinrichtung. Inzwischen bin ich als Kunstagent an Bahnhöfen bekannt, die Kunstagentur KK04HA besteht bereits 8 Jahre.
Mein Arbeitsplatz Haus- und Landwirtschaftliche Schule Schwäbisch Hall, die „Sibilla-Egen-Schule“, wurde zur Kunstgalerie umgestaltet, der Lebensraum Schule durch Kunst in eine andere Sphäre gehoben. Eine erste Eigenausstellung wagte ich 1996 im alten Haller Schlachthof, Motto „DAS ist (doch!) Keine Kunst“,- so die häufige Aussage von Schülern in Museen - wo ich das Sammelsurium und andere dilettantische Arbeiten präsentierte. Sammelsurium stammt bekanntlich von sammelsur ab, einem “sauren Gericht aus Speiseresten“ mit einer scherzhaften lateinischen Endung, heißt auch Sprachdurcheinander. Ein Dilettant bezeichnet italienisch einen „Halbwisser“ ( der also die ganzen akademischen Verrenkungen des akademischen Kunstgebarens ignoriert), das stammt von dilettarsi bzw. delectari ab, also „sich ergötzen“. Ich oute mich hiermit als spielerisch-philosophischer Dilettant ! Dass in jedem künstlerischen Menschen – folglich in jedem von uns – ein spielerischer Mensch, ein „Homo ludens“ steckt, soll hier ergänzt werden. Das wäre ein Mensch, der das Kindliche, Neugierige in sich bewahrt oder entdeckt – und sich so eine Überlebensstrategie in dieser irrational-kapitalistischen und ernsthaften Zwanggesellschaft eröffnet. Nicht jeder ist ein Bildhauer, Maler usw., aber „jeder Mensch ist ein Künstler“ (Beuys), wenn er zum Nutzen und zur Freude des Ganzen seine Kreativität entfaltet und zum sozialen Organismus beiträgt. Nicht vergessen möchte ich hier die Ursprünge der Chaostheorie – ich betrachte meine Sammelkunst auch als eine Form der Feldforschung zur Chaosphilosophie im Dualismus fraktale Unordnung und Struktur – dies könnte ebenfalls als Interpretationsschablone nehmen.
Ein Exkurs noch zu Michel Foucault (1926-84), dem weltberühmten Professor für die Geschichte der Denksysteme, kann nicht unterbleiben, denn in seinem Werk „Die Ordnung der Dinge – Eine Archäologie der Humanwissenschaften“, geht es um die Genese und Deutung der Dingwelt. Diesen Interpretationsansatz, den ich vor 10 Jahren noch nicht kannte, sollten Sie unbedingt nachlesen. „Die Ordnung ist zugleich das, was sich in den Dingen als ihr inneres Gesetz, als ihr geheimes Netz ausgibt, nach dem sie sich in gewisser Weise alle betrachten, und das, was nur durch den Raster eines Blicks, einer Aufmerksamkeit, einer Sprache existiert. Weitere 1000 Sätze könnte man zitieren und auf mein Dingekonzept übertragen. „Beobachten heißt also, sich damit zu bescheiden zu sehen; systematisch wenige Dinge zu sehen“. „Das immer vollständigere Bewahren des Geschriebenen, die Einrichtung von Archiven, ihre Klassifizierung, die Errichtung von Katalogen, Repertoiren und Inventaren stellen ... mehr als eine neue Sensibilität gegenüber der Zeit, ihrer Vergangenheit dar, nämlich eine Weise, in die bereits niedergelegte Sprache und in die Spuren, die sie hinterlassen hat, eine Ordnung einzuführen, die von der gleichen Art ist wie die, die man unter Lebewesen hat.“ (S.173 f). Weiter befasst er sich mit der Struktur der Dinge, dem Empirischen und dem Transzendentalen etc.
Weitere Stichworte: Konzeptkunst beschreibt eine Kunstrichtung, in der mit allen möglichen künstlerischen Mitteln etwas zusammengesetzt ist, eine „Zusammensetzung“ unter einer festgelegten ästhetischen oder gesellschaftspolitischen Idee. Installation kommt von der „Bestallung eines Chorstuhls“, „Stall einrichten“, bedeutet heute Einrichtung von sanitären oder anderen Anlagen – in der Kunstszene die Ausgestaltung von Räumen. Aktionskunst legt ihr Augenmerk weniger auf ein Endprodukt, sondern auf den Prozess der Entstehung und Rezeption, auf den Vorgang im Kontext des Kunstwerks; sie ist seit der dem Dadaismus, besonders der Fluxus-Ära in den Metropolen der Kunstwelt weit verbreitet – alledings nicht in unserer Region ! Eine Soziale Plastik bringt künstlerische Arbeit und ihre Erzeugnisse in konkrete gesellschaftliche Zusammenhänge, ist also selten „l àrt pour l àrt“, sondern ist einbezogen in ideelle, soziale und kulturelle Kontexte – so wie unser Projekt Künstlerkneipe künstlerische, wirtschaftliche und menschliche Bezüge hat, kein Gesamtkunstwerk um seiner selbst Willen. Kunstinstandssetzung – und damit komme ich wieder unmittelbar zur heutigen Ausstellung – bedeutet die Restauration abgelebter, toter Räume, die Animation lebloser Bereiche wie alter Gefängnisse, Bahnhöfe oder Wohnungen durch Kunstausstellungen.
Subjektive Objekte – dahinter verbirgt sich die Vorstellung, dass „normale“ Gegenstände individuell wahrgenommen werden, dass aus Millionen von Möglichkeiten der Betrachtung diese Subjektivität dargestellt wird. Expressive Impressionen sind nicht mehr und nicht weniger als „ausgedrückte Eindrücke“, Impressionismus plus Expressionismus durch Malerei oder Fotografie – vielleicht nicht mehr als zwei Formeln. Annina Graef hat ihre Acryl-, Tusche- und Fotografischen Arbeiten unter dieses Motto gestellt, die im Foyer der Kneipengalerie zu sehen sind. Eine Parole ist auch der Begriff digitale Fotokonzepte: mit den Mitteln der Digitalfotografie und digitaler Produktionswerkzeuge entstehen Bilder, die mit oft minimaler Verfremdung hergestellt werden, der Laptop als Gestaltungsmedium. Daraus werden Motivserien, „serielle Fotos“, die Dank moderner Drucktechnik völlig eigenständig produziert werden können. Hier wird ganz offensichtlich: „jeder Mensch ist ein Künstler“, wenn er Energie, Kreativität und Technik hat. Definierte Details bezieht sich auf die zigtausend Einzelheiten meiner Sammlung des Unnützen und Weggeworfenen, die durch die Anordnung „abgegrenzt“ werden, de finiert zwischen Zufall und Notwendigkeit anderer Objekte.
Schließen möchte ich aus Anlass des 200. Todestags unseres größten Philosophen Immanuel Kant, „der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“ (Ich entnehme dies dem „Spiegel“ 1/2004). Dazwischen die Fragen der Ästhetik und Kunst. Die „Kritik der Urteilskraft“ (1790) stellt die Frage nach der zweckfreien „Zweckmäßigkeit“ des Schönen, dem Kant ein „interesseloses Wohlgefallen“ zuordnet, das auf subtile Weise wiederum der Allgemeinheit zumutbar ist. Im Klartext: Kunst ist kein Ergebnis genialischen Wischmob-Geschlenkers, sondern eine ideell geordnete Vielfalt sinnlicher Eindrücke – aber die sichtbare oder hörbare Ordnung verfolgt nicht irgendwelche moralischen, pädagogischen oder politischen Zwecke, sie lockt vielmehr den Betrachter in ein freies Spiel seiner Gemütskräfte. Die Kunst verkörpert eine Freiheit, die den ganzen autonomen Menschen meint, darum darf sie nicht bloß einzelne seiner Überzeugungen oder Ziele bestätigen. Das besagt auch: Geschmack ist durchaus etwas, worüber sich, weil es den ästhetisch urteilenden „Gemeinsinn“ angeht, mit Argumenten streiten lässt.“ Betrachten wir also im Sinne des Jahrtausendphilosophen die Menschen und die Kunst nicht als bloßes Mittel, sondern als „Zweck an sich selbst“.
Dieser Text entstand zur Begrüßung der Ausstellung „graef & graef“ vom
27.2. – 2.4. in der Künstlerkneipe GLEIS1 Bahnhof Waldenburg. Er dient zugleich
meiner Kunst-Standortbestimung auf der Homepage www.graefart.de